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“... chi le può assegnare alle cose,
il giusto, il vero nome?”


Faust, c’est moi? Dies ist die Frage, die sich uns als Menschen des ausgehenden Jahrhunderts stellt. Unser kulturelles Universum unterscheidet sich grundlegend von dem der Vergangenheit, es ist im höchsten Maße komplex und aufgespaltet in diverse Facetten. Die Wirklichkeit ist weder rationell noch organisatorisch zu beherrschen. Die Modernität des spätkapitalistischen Zeitalters intensiviert sich und widerspricht sich schließlich noch selbst. Der Mensch, als Einzelner, ist gefangen im Chaos einer durch Fernsehen und Bilderflut dominierten Kultur. Welche Lösungen bieten sich ihm in dieser epochalen Wandlungsphase?
In Sanguineti Theaterstücks sieht Faust sich mit der Fülle dieser Probleme konfrontiert. Faust vagabundiert als archetypische Figur durch eine Welt, in der es keine festen Werte mehr gibt, die von zwar spektakulären, aber doch höchst vergänglichen Mythen und Moden geprägt ist.
Er muß sich gegen die vielen Mythen und Moden verteidigen, die wir, Menschen des ausgehenden Jahrhunderts, noch nicht vollkommen überwunden haben.
Diese Mythen gehören zur deutschen Kultur wie zur italienischen. Es wird ausgesprochen interessant für den Zuschauer, die Figuren zu verfolgen und provokatorische Anspielungen auf eine Welt zu entdecken, in der die Idee des Fortschritts uns vorspiegelt, näher an das Ziel, das Wissen, gekommen zu sein. Die Individualität von Faust ist weniger stark ausgeprägt und unterliegt daher dem ständigen Bedürfnis sich selbst zu definieren. Sein Selbst ist sozusagen desintegriert: Im Spiegelkabinett seines Selbst definiert es sich und wird sich gleichzeitig aber dieser Handlung bewußt. In diesem Prozeß der Selbsterkenntnis und Selbstfindung platzen Ironie, Komik und Vergnügen hervor. Das Komische bietet den besten Zugang zum Tragischen. Zu unterscheiden ist allerdings zwischen kritischer Komik und bloß frivoler Karikatur.
‘Un travestimento’ bezieht sich auf die Verfremdung und Entfremdung, die Sanguineti mit und an Goethes Faust vorgenommen hat. Die Travestie dient keinem rein burlesken (und oberflächlichem) Zweck. Sie soll nicht bloß Gelächter erregen. Das Wort Travestie bezieht sich vielmehr auf die Versetzung des Faust-Stoffes in die heutige Zeit. Faust, umgeben von heutigen Problemen, spricht eine moderne poly-stilistische und vielschichtige Sprache, bewegt sich bei alledem aber in der gleichen Handlung wie die Goethesche Figur. Bleibt die Frage, ob ihm die Post-Moderne aus seinem Dilemma helfen kann ...

Le parole sono come le mani:
“Sono le mani per le cose che non ti puoi toccare –
le cose che non te le tocchi, capisci tu te le dici quelle”
(in: Storie naturali)
Faust. Un travestimento wurde 1985 von Edoardo Sanguineti für die neapolitanische Theatergruppe ‘Alfred Jarry’ von Marialuisa und Mario Santella geschrieben und 1986 in Genua uraufgeführt. Die erste Aufführung im deutschen Sprachraum erfuhr das Stück 1993 in Weimar. Dort wurde Faust als lyrische Oper zu der Musik von Luca Lombardi inszeniert.
Die Berliner Aufführung von Faust. Un travestimento durch das ‘Teatro tra le Righe’ ist die erste reine Theateradaption des Stückes in Deutschland. Parallel dazu wird der Text erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt werden.

Vorstechender Charakterzug von Sanguinetis Werk und Theater (im Sinne von “teatro di parola”), und hier des ‘Faust’, ist das Spiel mit der Sprache, das nicht selten durch den virtuosen Gebrauch von Versatzstücken aus anderen europäischen (Fremd-)Sprachen noch gesteigert wird: “La parola che fa il verso a se stesso, ecco la definizione essenziale della parola di Sanguineti” (Tibor Wlassics). Die Worte werden in Szene gesetzt durch ein ‘Ich’, das sich eine Maske überzieht, die Maske eines anderen Selbst, das mit einer anderen Stimme spricht und sich verkleidet, “che parla con una delle sue voci vere” (Sanguineti). In diesem Spiel kommt dem Wort nicht nur Bedeutung von seiten des Signifikats zu, sondern auch von seiten des Signifikanten.
Faust. Un travestimento konfrontiert den Zuschauer mit einer eindrucksvollen, Sanguineti eigenen Form der Bearbeitung, die der Genueser Professor für Literatur und moderne Poet par excellence bereits mit Ariosts Orlando Furioso unternommen hat, in diesem Fall für eine Inszenierung unter der Regie von Luca Ronconi.
Ausgangstext ist Goethes Faust. Sanguineti geht vom klassischen Faust I und dem Urfaust bis zu den Wurzeln des Faust-Spiels, bis zur Tradition des Puppenspiels. Die Handlung ist vom Ablauf her durch Sanguinetis Verse detailliert festgelegt. Dennoch tritt die Textvorgabe quasi hinter sich zurück, will nichts anderes sein als ein “canovaccio verbalmente definito”, ähnlich dem Handlungsabriß, der den Schauspielern der Commedia dell’Arte zugrunde lag. Die Akteure finden keine präzise greifbaren Interpretationsvorgaben im Text, von Szene zu Szene, Auftritt zu Auftritt ist ihren eigenen Interpretationen freier Lauf gelassen. Die Umsetzung der Textvorlage kann als Opern- oder Operettenlibretto erfolgen, als Experiment in Prosa, als Rührstück oder Tragödie, Tragikomödie, Komödie, als Farce etc.

Orte der Grenzüberschreitung stehen im Mittelpunkt von Sanguinetis Werk. Er reiht sich damit neben jene Autoren ein, die über ihre nationale Kultur hinaus eine fremde, eine ganz und gar europäische Kultur der Zwischenräume geschaffen haben. Die Werke Sanguinetis zeigen eine Welt aus Beziehungen, Kontakten, Bewegung. Seine ersten Werke erscheinen als Objekte von außergewöhnlicher Fremdartigkeit. Es ist ein Schaffen, das psychologische und historische Trennungen aufzeichnet. Das ‘Ich’ ist Gefangener einer Kultur sich treiben lassender Überreste.
Wichtig auch, daß er das Bild eines intellektuellen Italieners und seiner Entwicklung hinsichtlich der geschichtlichen Situation des Italiens der letzten zwanzig Jahre zu liefern vermag.
Sanguineti entzieht sich den brennendsten Debatten der gesamten politisch-kulturellen Szene und mißt ihnen nicht mehr die unbedingte Wichtigkeit zu, die ihr gewöhnlich zugewiesen wird. Diese Debatten werden zu Fragmenten des Lebens, die Sanguineti gleichzeitig als fremd und als dem eigenen Ich zugehörig erlebt.
In der europäischen Dimension ist Sanguinetis Beziehung zur deutschen Kultur ungewöhnlich eng. Die in der mehrsprachigen Poesie Sanguinetis beständig wiederkehrenden deutschen Ausdrücke (Titel wie Wirrwarr, Reisebilder, Postkarten) zeigen emblematisch diese Beziehung, inspiriert auch durch die umfassende Kenntnis der Werke von Lukács und Walter Benjamin. Die deutsche Sprache ist für Sanguineti vor allem Mittel, das in das Zentrum der Thematik des Poeten führt und die ihm am geeignetesten erscheint, in dieses Innere einzutreten.
Der Sprach-und Kulturgebrauch des Deutschen als konstantes Element seiner italienischen Identität prädestiniert Sanguineti wie keinen anderen für eine Neubearbeitung von Goethes Faust. Faust. Un travestimento ist ein Beispiel dafür, wie grundlegende Elemente der italienischen Kultur sich mit Elementen der deutschen Kultur verbinden lassen (hier: Commedia dell'Arte und Puppenspiel) und etwas Neues erschaffen.

"il mio segreto, se ci tieni, é,
in ogni tempo e congiuntura,
questo:
é la mia fedeltà irriconoscibile,
la mia costanza sfigurata,
la mia tenacia guasta: ...
questa che mi devasta"
Rebus 5, in: Bisbidis


Teresa Zonno
Humboldt-Universität und Freie Universität

 

Notiz

Dieser Faust, den ich für das Ensemble “Alfred Jarry” von Marialuisa und Mario Santella zwischen dem Frühjahr und dem Sommer dieses Jahres schrieb, stellt – wenn ich auch nicht direkt behaupten kann die Realisierung eines langgehegten Vorhabens – zumindest die Verkörperung eines alten, geistigen Phantoms dar, das mir bei jeder meiner Begegnungen mit den zahllosen Varianten der Faustlegende und selbstverständlich vor allem bei jeder erneuten Kontaktaufnahme mit dem Text von Goethe zu erscheinen pflegte.
Bei der Abfassung bin ich also vom Text Goethes ausgegangen und habe mich dazu ähnlich wie vor einigen Jahren verhalten, als ich für Luca Ronconi das Epos Ariosts, den Orlando, bearbeitete. Damals versuchte ich unter anderem das Substrat der Bänkelsänger als die unterste, aber stimmlich und gestisch bestimmende Schicht des Straßentheaters herauszukehren. Parallel dazu war ich daran interessiert, das Etymon des “Puppenspiels”, dem wir bekanntlich an der Wurzel der Goethe-Fassung begegnen, freizulegen. Auf dem Wege zu diesem bühnenmäßig trivialen Ziel aber wollte ich vorbehaltslos alle Suggestionen aufnehmen, die auch alle anderen Formen in einer freizügigen Stilmischung, differenziert und gemeinsam zugleich anbieten können: das Ohnesorg- und das epische Theater, das pathetische Lustspiel und das Zwischenspiel, die Tragödie und die Operette, das Melodram und die Farce. Es handelt sich also um einen Goethe, dem man ‘gegen den Schritt’ begegnet, bzw. den man ‘gegen den Strich’ bürstet.
In einer Zeit, in der das Streben der Literaten, Bühnenautoren zu werden und eine “Theaterberufung” für sich zu erfinden, hinnehmbar und sogar wünschenswert erscheint, glaube ich, daß die “Travestie”, ein ausgezeichnet barockes Wort, für diese Verfahrensweise die richtige Kategorie darstellt, wenn sie nur von jeglicher einseitiger Neigung zum Burlesken und Parodischen gereinigt und in die von ihr scheinbar untrennbare szenische Dimension unmittelbar zurückgeführt wird. Kurz, es lag mir am Herzen, den Schauspielern, vielmehr den “Masken” ein Rollenbuch zu liefern, das interpretatorische Lösungen ermöglicht, die weder zur Einheitlichkeit noch zur Kontinuität erstarren; ein tonales, ja ein ewig verschiedenfarbiges, vielfältiges, veränderliches und veränderbares Rollenbuch, nicht nur bei jeder Szene veränderbar, sondern wenn möglich bei jedem Satz innerhalb einer Szene und bei jedem Wort innerhalb eines Satzes. Genau das geschieht mit Goethe, sobald er der Bühne zurückgegeben wird. Um es mit einem kleinen Paradoxon zu formulieren, dies ist ein bis ins kleinste Detail sprachlich festgelegter Kanevas, der aber jeglicher Regieanweisung bezüglich der Bühne oder Spielweise entbehrt. Dieser Faust will schließlich ein auf die heutigen “Comici dell’Arte” übertragbares “Puppenspiel” sein.
Darüber hinaus versteht es sich als “Libretto” für ein Theaterexperiment. Es ist also sehr traditionell in Verse gebracht, und oft in gebührender Weise gereimt und in gebührender Weise vertonbar. Auf seine Art besteht es aus gebührend entfremdeten Rezitativen, Arien, konzertanten Stücken. Ursprünglich, übrigens, in den französischen Exemplaren des XVII. Jahrhunderts war “dépaysé” ein herrliches Synonym von “travesti”. Dieser “verkleidete” Faust ist ein “verfremdeter” Faust.

Edoardo Sanguineti
August 1985


Übersetzung: Cesarina Drescher